Stellungnahme

Liebe Leserin, lieber Leser!

Seit einigen Woche nutze in mein „facebook“-Profil, um darüber auf meine Texte hinzuweisen, die in Online-Angeboten wie Blogs und Foren erschienen sind, unter anderem im bürgerjournalistischen Forum „RP Opinio“, ein Dienst der Rheinischen Post, Düsseldorf. Dieses Vorgehen erschloss einen weiteren Leserkreis, dessen Rückmeldungen überwiegend positiv war. Das Vorgehen selbst kann – im Rahmen des vorliegenden Umfangs an Verweisen – als durchaus üblich gelten.

Vom 22.4.2010, 20 Uhr bis 23.4.2010, 22 Uhr wurden die vorhandenen Verweise mit dem Hinweis gesperrt: „The link you are trying to visit has been reported as abusive by Facebook users“, was bedeutet, dass sich mindestens zwei „facebook“-Nutzer darüber beschwert haben, dass die Verlinkungen „missbräuchlich“ seien. Neue Links zu setzen, wurde mir untersagt, d. h. ich erhielt eine „warning“, dass die neu vorgenommene Verlinkung „abusive“ sei, was ich nur mit „Okay“ bestätigen konnte.

Mittlerweile funktionieren die Verlinkungen wieder. Ob bei der zwischenzeitlichen Störung formale oder inhaltliche Gründe eine Rolle gespielt haben, weiß ich nicht. Ich hoffe, ich werde es noch erfahren. Technische Probleme schließe ich aufgrund der Fehlermeldung aus, die eindeutig von „has been reported as abusive by Facebook users“ spricht. „Facebook“ würde ja sicherlich nicht seine „user“ schützend vorhalten, wenn es technische Probleme gäbe.

Ein Diskussionsteilnehmer äußerte den Verdacht, Gegenstand der Beschwerde könnten die zuletzt vermehrt zum Thema „Kirche und Papst“ erschienen Artikel sein. Dazu kann ich nichts sagen, möchte aber grundsätzlich bezweifeln, dass „facebook“ sich auf eine solche Haltung einlässt, die wünscht, dass bestimmte Themen ausgeblendet werden, weil sie „nerven“. Sicherlich wissen auch die „facebook“-Verantwortlichen, dass Meinungsfreiheit das Recht auf freie Meinungsäußerung meint und nicht etwa das Recht, von „nervigen“ Meinungsäußerungen verschont zu bleiben.

Wenn ich jetzt besonders viel über Kirche und Papst schreibe und dabei auch andere Aspekte betone als die, die in den Medien derzeit eine Rolle spielen, dann geht es mir vor allem darum, die Basis für ein Urteil über Kirche und Papst zu verbreitert. Wer nach der Lektüre meiner Texte immer noch der Meinung ist, die Kirche sei eine „kriminelle Vereinigung“ und der Papst Chef eines globalen „Kinderpornorings“, den man wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ hinter Gitter bringen müsse, dem lasse ich selbstverständlich seine Meinung – das gebietet die Toleranz. Nur stelle ich fest, dass viele Menschen ihre Meinung auf der Grundlage fehlerhafter Darstellungen über die Missbrauchsfälle bilden. Diese Fehler, die leider auch in Qualitätsmedien vorkommen, aufzuzeigen, halte ich für meine Aufgabe – als Katholik, als Publizist, vor allem aber als Mensch, der an Gerechtigkeit interessiert ist. Dass es mir dabei nicht darum geht, das abscheuliche Verbrechen des sexuellen Missbrauchs an Kindern herunterzuspielen, sollte klar sein. Mir geht es darum, wie die Medien damit umgehen. Wie gesagt: Nicht besonders gut, wie das Beispiel eines „Hintergrund“-Berichts über einen Missbrauchsfall in den USA auf dem Nachrichtenportal „tagesschau.de“ zeigt („Missbrauchsfall in der US-Kirche. Die Vorwürfe der ,New York Times‘ gegen den Papst“, 25. März 2010).

Der Verfasser des betreffenden Artikels schreibt: „Wie die New York Times weiter berichtete, hatte die Kirche seinerzeit auch versäumt, den Fall Murphy der Justiz zu übergeben. So sei Murphy auch nie von einem staatlichen Gericht zur Rechenschaft gezogen worden.“ Damit behauptet er, dass Murphy juristisch deshalb nie belangt wurde, weil „die Kirche“ versäumt habe, den Fall Murphy der Justiz zu übergeben („So… auch…“). Die „New York Times“, auf die sich der Verfasser an dieser Stelle bezieht, schreibt aber: „Father Murphy not only was never tried or disciplined by the church’s own justice system, but also got a pass from the police and prosecutors who ignored reports from his victims, according to the documents and interviews with victims.“ Hier wird deutlich, dass Murphy deshalb nie juristisch belangt wurde, weil „police and prosecutors“ (fälschlicherweise, wie wir heute wissen) der Meinung waren, keine Anklage erheben zu sollen, als es noch an der Zeit und Gelegenheit war, dies zu tun, weil ihnen die „victims“ unglaubwürdig erschienen. Dies gehe aus „documents and interviews“ (also: den Quellen) hervor. Diese quellenbasierte Darstellung lässt den Sachverhalt komplett anders aussehen als in dem „Hintergrund“-Bericht, der diese Quellen nicht berücksichtigt.

Sodann schreibt der Verfasser, was statt dessen in „der Kirche“ geschah: „Erzbischof Weakland habe die Vorwürfe gegen Murphy 1993 von einem besonders geschulten Sozialarbeiter untersuchen lassen.“ Dieser Vorgang wird durch die Kontextualisierung mit der fehlenden juristischen Aufarbeitung, die im Satz zuvor erwähnt wird und über deren wahre Hintergründe der Verfasser ja leider nicht informiert, als Gegensatz zur Aufklärung des Falls, also gewissermaßen als Teil einer Vertuschungsstrategie eingeführt, obgleich es sich bei derartigen Untersuchungen um die übliche Vorgangsweise handelt, die alle Missbrauchsexperten eingedenk des nötigen Opferschutzes, aber auch aufgrund der Schwere des Vorwurfs dringend empfehlen. Auch die deutsche Polizei rät zunächst zu einer Übergabe von Verdachtsfällen an geschulte Sozialarbeiter. Es ist mir unerklärlich, wie der Verfasser den Eindruck erwecken kann, dies sei nicht so, und das Vorgehen der Kirche stelle insoweit eine außergewöhnliche Verschleppung, ja sogar Verhinderung eines Strafverfahrens dar.

Leider reiht sich dieser „Hintergrund“-Bericht damit nahtlos in eine Serie fehlerhafter und tendentiöser Berichte über die Missbrauchsfälle in den USA und in Deutschland ein. Das ist sehr bedauerlich.

Bedauerlich ist es nicht deswegen, weil es das Ansehen des Papstes und der römisch-katholischen Kirche ohne Grund weiter beschädigt (nur noch 17 Prozent der Deutschen vertrauen der Kirche), sondern, weil es eine Fehlinformation der Öffentlichkeit darstellt, die die Lage künftiger Missbrauchsopfer außerhalb der Kirche dadurch verschlechtert, dass ihre Glaubwürdigkeit durch den festen Konnex von Kirche und Missbrauch im Bewusstsein der Menschen dauerhaft unterminiert wird. An der Etablierung und Popularisierung dieser festen Verbindung hat auch „tagesschau.de“ mitgewirkt.

Bekanntlich finden 99 Prozent aller Missbrauchsfälle nicht in kirchlichen Einrichtungen statt. Durch die Berichterstattung in deutschen Medien, unter anderem auch auf „tagesschau.de“, wird jedoch der Eindruck erweckt, dass Missbrauch ausschließlich in kirchlichen Einrichten vorkommt. Das bleibt nicht ohne Folge: Der „Deutschlandtrend“ vom 19. März 2010 liefert das erschütternde Ergebnis, dass 9 Prozent der Deutschen sicher sind, Missbrauch komme ausschließlich in kirchlichen Einrichten vor. Nur 88 Prozent meinen, Missbrauch sei auch außerhalb der Kirche verbreitet, es also prinzipiell möglich sei, dass Missbrauchsfälle auch an staatlichen Schulen oder nicht von der Kirche getragenen Privatschulen, in Sportvereinen oder in Familien vorkommen. Die 12 Prozent, die darin verunsichert sind, die daran ernsthaft zweifeln oder die das gar vehement bestreiten, gehen auch – nicht nur, aber auch – auf das Konto von „tagesschau.de“.

Das ist es, was mich ärgert (und nicht nur mich, sondern auch die Einrichtung „Zartbitter“, die sich um Missbrauchsopfer kümmert und die ebenso die Gefahr einer Fehlleitung der öffentlichen Meinung sieht). Der Ärger wiederum treibt mich an, vermehrt über das Thema zu schreiben. Ich wehre mich dagegen, wenn man „den“ Juden pauschal als hinterhältigen Betrüger, „den“ Moslem pauschal als fanatischen Terroristen und „den“ Katholiken pauschal als perversen Kinderschänder hinstellt. Die ersten beiden Phänomene kennen wir leider bereits zu genüge aus der neueren und neuesten Geschichte. Letzteres gilt es für die Zukunft zu vermeiden. Und zwar in der Gegenwart, hier und jetzt.

Zurück zum „facebook“. Da die Verlinkungen wieder funktionieren, ist das Thema für mich beendet. Sollte es Diskussionsbedarf geben, so bitte ich, mir eine Mitteilung zukommen zu lassen oder dafür das „facebook“-Profil zu nutzen.

Ich danke allen, die sich in der „facebook“-Sache für mich eingesetzt haben, besonders auch denen, die meine Meinung zu Kirche und Papst nicht teilen.

Ihr und Euer

Josef/Joe/Jupp

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~ von jobo72 - April 24, 2010.

 
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